Geschichte der Gebärdensprache

Letztes Update: 11.02.2006@16:50 (MEZ)
Inhalt dieser Seite:

Ein kleiner historischer Rückblick der Gebärdensprache

Quelle: (Infomaterial von unserem DGS-I Kurs im Hörbiz Trier - September/Oktober 2003)
  • Schon zwischen dem 16. und dem 19. Jh. wurden Gebärden in den schulischen Einrichtungen verwendet.
  • In der französischen Zeit wurden solche Gebärden meist von den Priestern entwickelt.
  • Früher gab es auch viele gehörlose Lehrer (ca. 500 gehörlose Lehrere im Jahr 1869) z.B. Laurent Clerc ist ein bekannter französischer Lehrer. Er hat das französische Gebärdensystem in den USA verbreitet.
  • Laurent Clerc und Thomas Gallaudet haben in den USA Gehörlosenschulen mit den französischen Unterrichtsmethoden aufgebaut.
  • In den USA existiert die GALLAUDET-Universität für gehörlose Studenten in Washington, die nach dem Direktor Thomas Gallaudet benannt ist.
  • Bekannt z.B. ist auch von Samuel Heinickes gesammelte Schriften über Abbe de L'Eppe (1712-1789). Der Privatgelehrte hat das Institut für taubstumme Schüler in Paris gegründet. Sein Unterricht erfolgte in Gebärdensprache.
  • Die Gebärdensprache wurde seit dem Mailänder Taubstummenlehrerkongreß (1880) über 100 Jahre lang weitgehend aus den Erziehungsprozessen ausgeschlossen.
  • Seidem gilt als Hauptziel, gehörlose Kinder nur in Lautsprache zu erziehen.
  • Gehörlose Lehrer und die Gebärdensprache wurden aus den Schulen verbannt.
  • Die DGS konnte sich daher nur isoliert und manchmal sogar heimlich aus mehreren kleineren Gehörlosengemeinschaften entwickeln. So lassen sich Unterschiede der Gebärdensprache von einer zur anderen Gemeinschaft bzw. von einer Region zur anderen Region erklären.
  • Jedoch sind auch viele Gemeinsamkeiten verschiedener Gebärdendialekte festzustellen, vor allem in der Grammatik und in der gebärdensprachlichen Raumausnutzung.
  • Erste Forschungsarbeiten zur Gebärdensprache nach dem Mailänder-Kongress erfolgt im Jahre 1960 durch den amerikanischen Sprachwissenschaftler William C. STOKOE.
  • Bekannte Sprachwissenschaftler/in im deutschen Sprachraum sind Professor Sigmuns PRILLWITZ aus Hamburg und Professor Penny BRAEM-BOES aus Basel.
  • In den skandinavischen Schulen steht der Bilingualismus im Vordergrund.

Ein zweiter kurzer Rückblick zur Geschichte der Gebärdensprache

Quelle: (Stille Liebe - Zur Geschichte der Gebärdensprache)
  • Der Geistliche Abbés de l'Epée beobachtet in Paris Mitte des 18 Jahrhunderts die tauben Bettler, die in den Strassen miteinander in Gesten und Gebärden sprechen. Er glaubte erst, so eine 'Universalsprache' gefunden zu haben. Es wurde ihm schnell klar, dass diese Sprache der tauben Bettler die Basis für die Erziehung der gehörlosen Kinder sein könnte.
  • 1755 Gründete Abbés de l'Epée die erste Schule für Gehörlose. Dort wird unter seiner Leitung eine Sprache aus den 'Gassengebärden' der tauben Bettler und der französischen Grammatik entwickelt.
  • Die Gebärdensprache wird sehr populär und verbreitete sich schnell in Europa.
  • 1789 stirbt Abbés de l'Epée. Zu diesem Zeitpunkt gibt es 21 Schulen für Gehörlose.
  • 1816 lernt der gehörlose Lehrer für Gebärdensprache Laurent Clerc den Amerikaner Edward Gallaudet kennen, ebenfalls ein Geistlicher. Dieser macht zur Erforschung der Gebärdensprache eine Reise durch Europa.
  • Laurent Clerc entschliesst sich mit Edward Gallaudet nach Amerika zu reisen, um sich dort für die Tauben zu engagieren.
  • 1817 gründen Laurent Clerc und Thomas Gallaudet in Hartford das 'American Asylum for the Deaf'. Es wird die American Sign Language (ASL) entwickelt. Die Gebärdensprache und die damit verbundene Bildung von Tauben wird sehr populär.
  • 1864 verabschiedet der amerikanische Kongress ein Gesetzt, dass die 'Columbia Institution for the Deaf and the Blind' in Washington den Rang eines National College erhält. Es entsteht die erste Universität für Gehörlose. Später wird diese Institution unter dem Namen 'Gallaudet-University' bekannt. Ihr erster Rektor ist Thomas Gallaudet, der Sohn von Edward Gallaudet. (weitere Informationen unter: www.gallaudet.edu).
  • Ab 1870 nimmt zunehmend die Meinung überhand, dass die Gehörlosen zum sprechen erzogen werden müssen. Die sogenannten Oralisten, alles Hörende, bekämpfen mit allen Mittel die Gebärdensprache. Sie wird als Affensprache und als dem Menschen nicht würdig angeschaut.
  • 1880 findet ein Mailand ein Kongress statt. Unter dem Einfluss des berühmtesten 'Oralisten' Alexander Graham Bell unterliegen die Anhänger der Gebärdensprache. Vor der entscheidenden Abstimmung sind die Gehörlosen von Stimmabgabe ausgeschlossen worden. Im Anschluss an diesen Kongress wird die Gebärdensprache in verschiedenen Ländern verboten. Bis heute hat die Gebärdensprache nicht mehr die gleiche Akzeptanz wiedergewonnen, wie sie dies im 18. Und 19 Jahrhundert hatte. So wurde z. B. in Frankreich erst 1991 das gesetzliche Verbot, Gebärdensprache zu lehren und zu reden, aufgehoben!

Oliver Sacks: Stumme Stimmen, Reise in die Welt der Gehörlosen

Quelle: (Berliner Behindertenzeitung - Ausgabe Juni 2003)
Der Neurologe Oliver Sacks trat 1970 erstmals an die Öffentlichkeit: Dem Erstling "Migräne" folgten Bestseller wie "Zeit des Erwachens" u. a. In dem 1989 erschienenen Buch "Stumme Stimmen" wirft der Autor einen Blick auf die Geschichte der Gebärdensprache.

Desolate Lebensbedingungen für Gehörlose bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts

Vor dem Jahre 1750 hatten die Gehörlosen in den Gesellschaften zumeist keinen Zugang zu Bildung und Erziehung, sie mussten niedrigste Arbeiten verrichten und lebten oft allein am Rande des Elends. Dieser "desolaten" damaligen Situation ging - so Oliver Sacks - eine falsche Auffassung voraus: Bei Symbolen, die ein Festhalten und Kombinieren von Gedanken, also das Denken erlauben, müsse es sich um solche der Lautsprache handeln. Dieses Vorurteil geht vielleicht bis in biblische Zeiten zurück: Der Entrechteten-Status der Gehörlosen sei in den mosaischen Gesetzen festgelegt gewesen und durch die biblische Erhöhung der Stimme und des Ohrs als den einzigen Mitteln der Zwiesprache zwischen Mensch und Gott noch bekräftigt worden ("Im Anfang war das Wort").

Beginn eines Wandels

Ein tiefgreifender Wandel habe erst begonnen, als "ein herausragender Geist", der Abbés de l'Epée, in der Mitte des 18. Jahrhunderts die bescheidene, selbstentwickelte Gebärdensprache der bettelarmen Gehörlosen kennen lernte, die Paris durchstreiften. Eine Voraussetzung dafür war wohl die damals verbreitete Idee einer universalen Sprache, die de l'Epée in den Gebärden der verarmten Gehörlosen zu finden meinte. Insofern näherte er sich der Gebärdensprache nicht mit Verachtung, sondern mit Ehrfurcht.
Indem er Gebärden mit Bildern und geschriebenen Worten verband, lehrte er die Gehörlosen lesen, machte er ihnen das Wissen und die Kultur der Welt zugänglich. Seine 1755 gegründete Gehörlosenschule war die erste, die staatlich unterstützt wurde. Zahlreiche von ihm ausgebildete Gehörlosenlehrer hatten ihrerseits, als er 1789 starb, 21 Gehörlosenschulen in Frankreich und anderen europäischen Ländern gegründet. Oliver Sacks charakterisiert diese Jahrzehnte als ein "Goldenes Zeitalter" in der Geschichte der Gehörlosen, da es für diese nun möglich wurde, in die Öffentlichkeit zu treten, ihre Rechte wahrzunehmen und in gehobene, verantwortungsvolle Positionen aufzusteigen.
Aber auch de l'Epées System der 'methodischen' Gebärden - einer Mischform aus den Gebärden, die er von den Gehörlosen gelernt hatte, und durch Gebärden dargestellter französischer Grammatik - habe eine Art von Geringschätzung der Gebärdensprache zugrunde gelegen, die Einschätzung, sie sei grammatikalisch unstrukturiert und benötige deshalb eine solche Übertragung der französischen Grammatik. Erst 60 Jahre später seien die 'methodischen' Gebärden, "diese aufgesetzte Grammatik" wieder abgeschafft worden.
Im Rückblick darauf, aber wohl auch noch im Blick auf die Gegenwart schrieb Oliver Sacks: "Dagegen muss sich ein neues Verständnis durchsetzen: Die Gebärdensprache ist der Lautsprache ebenbürtig; sie erlaubt es, gleichermaßen Exaktes wie Poetisches wiederzugeben, philosophische Analysen ebenso vollkommen auszudrücken wie Liebeserklärungen - und dies manchmal mit größerer Leichtigkeit als die Lautsprache."[1]

Die Fortsetzung des Triumphzugs der Gehörlosenbildung und -emanzipation in den Vereinigten Staaten

Etwa 50 Jahre später, im Jahre 1817 gründete Laurent Clerc zusammen mit Thomas Gallaudet in Hartford das American Asylum for the Deaf: "So wie Paris - Lehrer, philosophes, die ganze Öffentlichkeit - in den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts von de l'Epée berührt, verblüfft, 'bekehrt' worden war, so sollte auch Amerika fünfzig Jahre später bekehrt werden."[2] Ein rascher und spektakulärer Erfolg des Unterrichts in Hartford führte bald dazu, dass in allen Regionen mit einer gewissen Bevölkerungsdichte und damit einer entsprechend großen Zahl gehörloser Kinder andere Schulen gegründet wurden.
Das von Clerc eingeführte französische Gebärdensystem verschmolz rasch mit den hier entstandenen Gebärdensprachen zu einer ausdrucksvollen und vielseitigen Mischform, der Amerikanischen Gebärdensprache ASL (American Sign Language).
Bis ins Jahr 1870 setzte sich der Triumphzug der Gehörlosenbildung und -emanzipation in den USA fort: "Dann aber - und dies ist der Wendepunkt der Geschichte - kehrte sich alles um, kehrte sich alles gegen die Gebärdensprache, gegen ihre Verwendung durch und für Gehörlose, und innerhalb von zwanzig Jahren wurde das Werk eines ganzen Jahrhunderts zunichte gemacht."[3]

Die Gegenströmung der Oralisten

Schon seit zwei Jahrhunderten hatte es eine Gegenströmung gegeben, die so genannten Oralisten, die das Ziel verfolgten, dass Gehörlose das Sprechen lernen sollten. Das dabei bestehende Problem war, dass ein seinem Wesen nach auditives Phänomen wie die Sprache mit nicht auditiven Mitteln erfasst und gesteuert werden musste. Wenn es Aussicht auf Erfolg haben sollte, war eine Jahre lange intensive Anleitung notwendig, bei der ein Lehrer mit einem einzigen Schüler arbeitete, während de l'Epée Hunderte von Schülern gleichzeitig unterrichten konnte.
Im Jahre 1880 fand in Mailand ein Kongress der Gehörlosenlehrer statt, bei dem aber gehörlose Lehrer kein Stimmrecht hatten und der Oralismus siegte: Der Gebrauch der Gebärdensprache in der Schule wurde offiziell verboten; gehörlose Schüler wurden nun nicht mehr von gehörlosen, sondern von hörenden Lehrern unterrichtet; der Anteil gehörloser Lehrer sank von ca. 50% (1850) auf ca. 25% (1900) und auf ca. 12% (um 1960); Englisch wurde (in den USA) mehr und mehr zur Unterrichtssprache.
Das dabei bestehende Problem war aber - so Oliver Sacks -, dass die oralistische Methode nicht funktionierte: "Die oralistische Methode und die Unterdrückung der Gebärdensprache haben zu einer dramatischen Reduzierung der Lernleistungen gehörloser Kinder und der Bildung Gehörloser im Allgemeinen geführt." Von diesem Dilemma habe aber die Öffentlichkeit lange gar keine Notiz genommen, dies begann erst in den 60er und frühen 70er Jahren des letzten Jahrhunderts.
Hierzulande wurde erst mit dem Bundesgleichstellungsgesetz die Gebärdensprache im Bereich der Verwaltungsverfahren mit allen Bundesbehörden als gleichberechtigt anerkannt.
Rainer Sanner
Literatur:
[1] Oliver Sacks: Stumme Stimmen. Reise in die Welt der Gehörlosen. Reinbek bei Hamburg 1990, S. 41 f.
[2] Ebda., S. 43 f.
[3] Ebda., S. 46 f.

Deutschland und die Gebärdensprache?

Am 1. Juli 2001 trat das Sozialgesetzbuch IX in Kraft, in dem erstmals wichtige Regelungen zur Anerkennung der Gebärdensprache in einem Bundesgesetz waren.

SGB IX - Regelungen zur Anerkennung der Gebärdensprache in einem Bundesgesetz

Mit dem SGB IX wurde erstmalig der Anspruch auf Verwendung der Gebärdensprache geregelt. In § 19 SGB X wird dieses Recht für alle hörbehinderten Menschen im Sozialverwaltungsverfahren verankert, in § 17 Abs. 2 SGB I auf die Ausführung von Sozialleistungen ausgedehnt und als Teilhabeanspruch in § 57 SGB IX gewährt. Die Dolmetscherkosten tragen die Sozialleistungsträger. Erweitert wurden diese Rechte durch die Anerkennung der Gebärdensprache als eigene Sprache und der lautsprachbegleitenden Gebärden als Kommunikationsform der deutschen Sprache in § 6 BGG. Damit wurde eine Jahrhunderte währende Diskriminierung gehörloser Menschen beendet, die sich ausschließlich auf den oralen Spracherwerb und das Mundabsehen konzentrierte und dabei Gehörlosen ihre eigene Sprache nahm. Sämtliche Ansprüche können nun individuell selbst oder mit der Prozessstandschaft eingeklagt werden und sind der Verbandsklage zugängig, wenn es sich um einen Fall von allgemeiner Bedeutung handelt.
Auszug aus einem Vortrag von Horst Frehe über das deutsche Behindertengleichstellungsgesetz anlässlich der Informations- und Diskussionsveranstaltung "Das neue Behindertengleichstellungsgesetz in Deutschland - ein nachahmenswertes Modell in Luxemburg?" vom 25. März 2003.
(siehe etwas weiter oben auf dieser Seite im Text "Das neue Behindertengleichstellungsgesetz in Deutschland - ein nachahmenswertes Modell in Luxemburg?" ist ein Link auf den Text des Vortrags)
Seit dem 1. Mai 2002 ist die Gebärdensprache mit dem Behindertengleichstellungsgesetz als Sprache anerkannt worden.

Gesetz zur Gleichstellung behinderter Menschen (vom 01.05.2002)

BGG § 6 Gebärdensprache und andere Kommunikationshilfen
(1) Die Deutsche Gebärdensprache ist als eigenständige Sprache anerkannt.
(2) Lautsprachbegleitende Gebärden sind als Kommunikationsform der deutschen Sprache anerkannt.
(3) Hörbehinderte Menschen (Gehörlose, Ertaubte und Schwerhörige) und sprachbehinderte Menschen haben nach Maßgabe der einschlägigen Gesetze das Recht, die Deutsche Gebärdensprache oder lautsprachbegleitende Gebärden zu verwenden. Soweit sie sich nicht in Deutscher Gebärdensprache oder mit lautsprachbegleitenden Gebärden verständigen, haben sie nach Maßgabe der einschlägigen Gesetze das Recht, andere geeignete Kommunikationshilfen zu verwenden.