Sprachen

Letztes Update: 11.02.2006@16:50 (MEZ)
Inhalt dieser Seite:

Der großen Mehrheit aller Menschen in unserer Gesellschaft würde es nicht einfallen, sich als 'hörend' zu bezeichnen. Hören zu können ist für sie eine der Gegebenheiten des Lebens, die ebensowenig der Hervorhebung bedarf wie die Tatsache, daß man atmet, ißt oder schläft. Für Menschen, die wenig oder gar nichts hören und die sich als Gehörlose bezeichnen, ist die begriffliche Abgrenzung von den 'Hörenden' dagegen kaum weniger einleuchtend und grundlegend als die Unterscheidung zwischen Männern und Frauen oder die zwischen Kindern und Erwachsenen. Die in mancherlei Hinsicht geringfügige, in ihren konkreten Ausprägungen heterogene körperliche Einschränkung allein würde eine solche Einteilung der Welt gewiß nicht rechtfertigen. Aber die physische Schädigung des Hörorgans, zumeist ein Innenohrdefekt, bleibt nicht folgenlos: Wer nicht ausreichend hört, dem ist der natürliche Umgang mit der gesprochenen Sprache und damit der Zugang zu weiten Teilen des gesellschaftlichen Geschehens verwehrt.
Auszug aus "GEHÖRLOS SO! - Materialien zur Gebärdensprache" (erschienen 2001 im Signum-Verlag)

Lautsprache

Unter Lautsprache versteht man eine mittels der oralen Sprachorgane (Kehlkopf, Mund, Zunge usw.) erzeugte Sprache. In Gegensatz dazu stehen Gebärdensprache, Bildsprache und Literatursprache in engeren Sinne. Die meisten Schriftsprachen waren und sind zuvorderst Lautsprachen.

Menschliche Lautsprachen bestehen immer aus der Abfolge einer begrenzten Zahl von Phonemen. Die Phonemen werden in Vokalen und Konsonanten aufgeteilt. Die Art und Anzahl der Phonemen können je nach Sprache stark variieren. Zum Beispiel hat das Hawaiianische mit nur 13 Phonemen die geringste Phonemzahl aller bekannten Sprachen. Es gibt aber auch Sprachen mit über achtzig Phonemen. Die meisten Sprachen haben 30 bis 50 Phoneme. Forschungen haben gezeigt, dass das menschliche Gehirn im Zeitraum um das etwa 20. Lebensjahr Sprache hauptsächlich in der linken Hirnhemisphären verarbeitet, während vor und nach dieser Zeit beide Hirnhälften zur Verarbeitung aktiv sind.

Auch Gebärdensprachen verfügen über ein bestimmtes Inventar von gebärdensprachlichen Phonemen. Wegen des Modalitätsunterschieds (oral-auditorisch vs. manuell-visuell) wird dieses Phoneminventar in die vier Parameter Handkonfiguration, Handorientation, Bewegung und Platzierung aufgeteilt, statt in Vokalen und Konsonanten wie in Lautsprachen. Alle Gebärden werden mit mindestens einem Phonem aus jedem Parameter aufgebaut und simultan ausgeführt. Die Art und Anzahl der Phoneme können auch in Gebärdensprachen variieren, so dass man deswegen auch einen fremden Gebärdensprach-Akzent erkennen kann.

Oftmals entsteht bei Nichtlinguisten Verwirrung, weil sie die schriftliche Repräsentation der Lautsprache betrachten und diese als die eigentliche Sprache ansehen. Die klassische Linguistik untersucht aber vor allem Lautsprachen und erst danach deren schriftliche Repräsentation. Unter Linguisten wird solches Tun oft mit leicht abschätzigen Ton als Untersuchung der "Schreibe" bezeichnet.

Anmerkung vom 5.12.2004 in [Diskussion:Lautsprache] "Gebärden sind nicht Phoneme in der Gebärdensprache. Sie sind analog zu Worten in Lautsprache. Der Begründer der GS-Linguistik William C. Stokoe kürte 1960 einen neuen Fachbegriff: Cherem (aus griechisch 'cher' = Hand). Jedoch wurde dieser Fachbegriff spaeter von anderen GS-Linguisten durch den allgemeineneren Ausdruck 'Phonem' ersetzt, da die Prinzipien der Phonologie auch in GS auftauchen und ein gesondertes Wort daher unnötig sei."

Die Gebärdensprache (eine visuelle Sprache)

GS (Gebärdensprache) ist eine rein visuelle, lebendige Sprache, die hauptsächlich von Gehörlosen verwendet wird. Sie ist eine natürliche Sprache mit eigenständiger Grammatik und mit der Kultur der Gehörlosen auf engste verbunden. Sie wurde nicht erfunden wie beispielsweise Esperanto (das ist eine künstliche Weltsprache), obschon es auch Gestuno gibt (eine künstliche Internationale Gebärdensprache, die zwischen 1951-1973 vom Weltverband der Gehörlosen aus den verschiedenen Gebärdensprachen aller Länder heraus entwickelt wurde). Die Grammatik der GS kommt von der visuellen Wahrnehmung. Mimik ist ein wichtiger Teil der Grammatik. Dies wurde von Linguisten seit 30 Jahren weltweit nachgewiesen. Es wird oft behauptet, dass Gehörlose gebärden ohne den Mund zu bewegen, was nicht stimmt. Das Mundbild ist ein wichtiger Teil der GS und gehört zur Mimik. Zum Teil wird der Mund so bewegt, wie Wörter in der Lautsprache ausgesprochen werden.

Bei der Laut-/Schriftsprache müssen Wörter sequenziell (nacheinander) angereiht, zu Sätzen geformt werden. In der GS können aber in einer Gebärde mehrere Informationen gleichzeitig vermittelt werden. (z. B. "Ein Auto fährt langsam und mühevoll eine steile, kurvenreiche Bergstraße hinauf"). Aus diesem Grund beansprucht die Gebärdensprache im Durchschnitt viel weniger Zeit als die Lautsprache. Die GS kann beliebige Inhalte wiedergeben und ist keine verkürzte Lautsprache.

Gebärdensprachen sind wie Lautsprachen eigenständige, vollwertige und ausbaufähige Sprachen mit Eigenheiten, die mit der Sprachkultur verbunden sind, deswegen sind die Gebärdensprachen nicht weltweit gleich. Es lassen sich wie bei der Lautsprache nationale Sprachen und regionale Dialekte unterscheiden (z. B. Amerikanische, Französische, Chinesische Gebärdensprache und Berliner, Hamburger und Münchener Dialekt).

Lautsprachbegeitende Gebärden

Die LBG (Lautsprachbegleitende Gebärden) ist keine eigenständige Gebärdensprache, sondern nur ein künstliches Verfahren zur Sichtbarmachung der Lautsprache, also ein Kommunikationshilfsmittel. Wie der Name verrät, handelt es sich um Gebärden, die die Lautsprache begleiten. Die LBG hat keine eigenständige Grammatik, sondern ist der Lautsprache vollkommen angepasst. Die Gebärden selbst, wurden zum größten Teil aus der Gebärdensprache entnommen. Die LBG unterstützt das Ablesen vom Mund und wird deshalb bevorzugt von Schwerhörigen und Ertaubten verwendet.

Die LBG führt bei Gehörlosen im Gegensatz zur GS oft zu Missverständnissen, weil sie der Grammatik der Lautsprache ganz angepasst ist, denn die Laut-/Schriftsprache ist für die meisten Gehörlosen eine Fremdsprache. Man stelle sich vor, man würde Englisch mit der deutschen Grammatik sprechen. Oft werden Regeln, die für Gehörlose als notwendig gelten, bei der LBG gar nicht beachtet (z.B. personengerichtete Richtungsgebärden wie leihen, besuchen usw.) Außerdem ist die Zusammensetzung einiger gebärdeter Wörter (z.B. Lauf-feuer) unnatürlich für Gehörlose.

Es gibt verschiedene Methoden bei LBG, die aber alle gemeinsam haben, dass die Sätze in korrekt gesprochener Lautsprache mit Gebärden aus der GS begleitet werden.

  1. Alle Worte werden synchron mitgebärdet: Diese Variante wird besonders gebraucht um gehörlosen Kindern im schulischen Umfeld den strukturellen Aufbau der Laut-/Schriftsprache zu zeigen, sie ist aber in der alltäglichen Kommunikation mit Gehörlosen kaum zu gebrauchen da die Kommunikation damit zu kompliziert und langsam verläuft.
  2. Grammatische Strukturen werden zusätzlich mitgebärdet: mit Hilfe der Fingeralphabets werden z.B. Endungen (Die-se, Lehrer-in, ...) hervorgehoben. Diese Variante wird ausschliesslich im schulischen Umfeld gebraucht um die Besonderheiten der Laut-/Schriftsprachlichen Grammatik zu erklären.
  3. Nur die Schlüsselwörter werden mitgebärdet: Das nennt man dann LUG (Lautsprachunterstützende Gebärden). Das ist die am häufigsten angewandte Form der LBG die Hörende in der Kommunikation mit Gehörlosen anwenden.

Mit der LBG kann man gehörlosen Kindern zeigen, wie deutsche Sätze aussehen und geschrieben werden. Aber nur mit Hilfe der GS kann man ihnen genau erklären, warum deutsche Sätze so aufgebaut sind.

siehe auch Wikipedia/Lautsprachbegleitende_Gebärden und Wikipedia/Gebärdenunterstützte_Kommunikation

Gesten

Gesten sind wichtige Hilfsmittel in der Kommunikation und werden mit Händen, Armen und Kopf ausgeführt. Diese Bewegungsmuster haben aber im Gegensatz zu den Gebärden keine festgelegte Bedeutung, sondern dienen nur der Untermalung der gesprochenen Sprache, um dieser mehr Ausdruck zu verleihen. Zu den Gesten gehören z.B. Handbewegungen wie Augenrollen, Winken, Nicken, ...

Es gibt viele wissenschaftliche Forschungen zum Thema 'Gesten', besonders was die Bedeutung in den unterschiedlichen Ländern angeht. Viele Gesten, die in Europa absolut harmlos sind, können z.B. in arabischen Ländern als schlimme Beleidigung aufgenommen werden, wie z.B. der ausgestreckte Daumen eines Anhalters.

Geste definiert man als eine Handlung, die einem Zusehenden ein optisches Signal übermittelt (Geste = beobachtete Handlung).
Dies kann von Seiten des Sendenden
  • als Signal gewollt (wenn z.B. jemand jemand anderen herbeiwinkt) oder
  • zufällig geschehen (wenn z.B. jemand niest) sein.
Man unterscheidet demgemäss
  • primäre Gesten: Gesten, die allein der Kommunikation dienen
  • sekundäre, beiläufige Gesten: Handlungen, die primär eine andere Funktion haben, aber gleichzeitig beiläufig eine Information übermitteln (z.B. Niesen)
Bei der Gestik als Kommunikationsmittel ist nicht entscheidend, welche Signale wir übermitteln wollen, sondern welche Signale andere empfangen. Für die nicht-missverstehende Interpretation von Gesten und Körperhaltungen ist meist die Kenntnis der Person und der Situation (des Zusammenhanges und Umfeldes) unerlässlich. Man hüte sich vor kurzschlüssigen Interpretationen der "Körpersprache", wie sie durch manche populäre Bücher und Fernsehsendungen verbreitet werden. "Körpersprache" ist alles andere als eindeutig.
aus Payer, Margarete <1942 - >: Internationale Kommunikationskulturen. -- 4. Nonverbale Kommunikation. -- 2. Gesten, Körperbewegungen, Körperhaltungen und Körperkontakt als Signale. -- Fassung vom 6. November 2000. --
URL: http://www.payer.de/kommkulturen/kultur042.htm eine wunderbar recherchierte Arbeit zu diesem Thema. Dank an Frau Payer.
siehe auch Wikipedia/Gesten

Pantomime

Bei der Pantomime werden mit körpersprachlichen und nicht konventionalisierten Mitteln Gefühle, Ereignisse, Szenen etc. abstrakt oder konkret künstlerisch frei dargestellt. Im Gegensatz zu den Gebärden der Gebärensprache bei denen der Gebärdenraum festgelegt und begrenzt ist, wird hier mit dem gesamten Raum um den Körper herum gearbeitet.

Der Begriff Pantomime kommt aus dem griechischen pantómimos und bedeutet 'der alles Nachahmende'.

Da werden z.B. Imaginäre Gegenstände bewegt, man bewegt sich wie wenn man auf dem Mond spazieren geht (die Technik heisst dann auch passenderweise moonwalk), Bewegungen wie in Zeitlupe (slowmotion). Ein Pantomime erzählt Geschichten ganz ohne Worte. Die Bewegungen sind auf das Wesentliche reduziert. Nur durch Gesten und Mimik werden Charaktere oder Szenen gespielt, die oft sehr gefühlsbeladen sind. Die Mimik wird dabei durch eine Maske unterstützt.

Schön gestaltete Website des Pantomimen Jomi

Gespräche mit gehörlosen oder schwerhörigen Menschen

Wissenswertes:

  • Nicht alle gehörlosen Menschen können nicht sprechen.
  • Nicht alle gehörlosen Menschen können von den Lippen ablesen.
  • Deutsche Gebärdensprache (DGS) ist keine andere Form der Deutschen Sprache.
    DGS ist eine eigene Sprache mit eigener Grammatik, Syntax und Regeln.
  • Nicht alle gehörlosen Menschen benutzen Gebärdensprache.
  • Mit Lippenlesen - obwohl es manchmal sehr nützlich sein kann - kann man nur etwa 30% des Besprochenen erfassen, oftmals sogar noch weniger, da man ohne einen Laut zu hören, erkennen muss was gesagt wird.
  • Viel gehörlose Personen haben noch ein geringes Resthörvermögen.
  • Nicht alle gehörlosen Menschen können gut lesen und schreiben.
  • Längere Gespräche mit Lippenlesen ist sehr anstrengend und ermüdend für die gehörlose Person.

Dinge die man tun kann:

  • Finde heraus, mit welcher Methode die Kommunikation mit einer bestimmten Person am besten abläuft.
  • Wenn die Person Lippenlesen kann, dann rede ganz normal und nicht mit übertriebenen Mundbild. Kurze Sätze sind gewöhnlich am besten.
  • Gewinne ihre Aufmerksamkeit bevor du ein Gespräch anfängst.
  • Wenn die Person von den Lippen abliest, dann achte darauf, dass keine Gegenstände die Sicht behindern. Versichere dich, dass der Raum gut beleuchtet ist.
  • Falls du Zweifel hast ob der andere dich richtig verstanden hat, wiederhole den Satz in einfachen Worten und frage nach ob du verstanden worden bist.
  • Wenn der Gehörlose einen Dolmetscher dabei hat, dann sprich immer die gehörlose Person direkt an, und nicht den Dolmetscher.

Dinge die man beachten sollte:

  • Wenn jemand fragt "Was haben sie gesagt", kommen oft folgende Antworten: "Egal", "Nichts", "Das war nicht wichtig". Diese Antworten aber sind abwertend und erniedrigend, weil sie der gehörlosen Person mitteilen, dass sie es nicht wert ist, dass man das gesagte wiederholt.
  • Einige Schwerhörige die in Gesprächen mit nur einer anderen Person ganz gut klar kommen, können bedeutende Schwierigkeiten haben einem Gespröch zu folgen, sobald mehrere Gesprächspartner anwesend sind die möglicherweise auch noch durcheinander reden.
  • Wenn man Ungeduld zeigt im Gespräch mit einer schwerhörigen Person, die möglicherweise kein grossen Durchsetzungvermögen hat, kann eine solche Person davor zurückhalten ihre Bedürfnisse mitzuteilen.

Dinge die man vermeiden sollte:

  • Stellen sie sicher, dass während einem Gespräch keine Gegenstände zwischen ihnen und der anderen Person stehen.
  • Falls ihr Gegenüber eine Hörhilfe hat, vermeiden sie wenn möglich grosse und laute Umgebungen für Gespräche.
  • Werden sie nicht ungeduldig oder entnervt, wenn die Person etwas länger braucht um sich mitzuteilen.

(aus dem englischen übersetzt "Effective Communication Techniques - Communicating with People who are Deaf or Hard of Hearing" - original in englischer Sprache ist hier: www.adaportal.org/Communication/communication-techniques.html)


Ich wünschte, es würden immer mehr Menschen erkennen, daß die Gebärdensprache kein Gefuchtel mit den Händen in der Luft ist, sondern daß sie eine richtige Sprache ist mit eigener Grammatik und eigenem Wortschatz und einer Ausdrucksform, die ich bis jetzt in keiner anderen Sprache (Normal, denn jede Sprache ist anders) gefunden habe (wer einmal Gebärdensprach-Poesie gesehen hat, der weiß wovon ich schreibe).
"Wenn du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Menschen zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Menschen die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer."
Zitat von: Antoine de Saint-Exupéry