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Gehörlosengemeinschaft und -kultur in Deutschland deaf

Vieles hiervon trifft auch auf Luxemburg zu.
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Basisquelle des Textes: (DGS-Kurs "Fliegende Hände" - Aus einem Forschungsprojekt rund um die Deutsche Gebärdensprache an der RWTH Aachen. www.gebaerdensprache.de)

Die Gehörlosengemeinschaft ist eine lebhafte Gemeinschaft, in der Gehörlose, die Gebärdensprache benutzen, sich zusammenfinden, um Neuigkeiten und Erfahrungen auszutauschen und Sport sowie andere Aktivitäten miteinander durchzuführen. Auf diese Weise entsteht ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Gehörlose Menschen fühlen sich in der Gesellschaft anderer Gehörloser wohl. Hörende Menschen, die gerne mehr über die Gebärdensprache, die Gehörlosengemeinschaft und ihre Kultur erfahren wollen, sind meist willkommen.

Wo treffen sich Gehörlose?

Lokale Gehörlosenvereine, in denen Gehörlose (und auch Hörende) einander begegnen und an sozialen Aktivitäten sowie an Sport- und Freizeitmöglichkeiten teilnehmen können, existieren im ganzen Land. Gehörlosenvereine können speziell für diesen Zweck errichtet oder umgebaut worden sein oder nur aus einem einzigen Raum bestehen. Der Veranstaltungsort variiert in Abhängigkeit von den Mitteln und Neigungen der jeweiligen Gemeinschaft. Manchmal trifft man sich formlos in Kneipen.

Was ist Gehörlosenkultur?

Wie viele sprachliche Minderheiten, erfreuen sich Gehörlose einer einmaligen Kultur, die ebenso wie jede andere Respekt verdient. Die Lebensart der Gehörlosen ist wirklich faszinierend. Erst vor einigen Jahren hat die Forschung damit begonnen, verschiedene Aspekte der Gehörlosengemeinschaft, ihrer Kommunikation und ihrer Beziehungen zu untersuchen.

Ein gutes Beispiel für die Gehörlosenkultur ist die Art und Weise, wie Gehörlose in einem Restaurant interagieren. Um mit Hilfe der (visuellen) Gebärdensprache zu kommunizieren, ist ein ständiger Augenkontakt Voraussetzung. Im Gegensatz dazu brauchen Hörende nicht diesen regelmäßigen Augenkontakt und können während der Unterhaltung weiter essen.

Kultur ist auch im Zusammenhang mit Geschichte und Kunst zu sehen. In der Gehörlosengemeinschaft gibt es eine starke Tradition des Geschichten- und Witze- Erzählens. Geschichten werden oft von einer Generation an die nächste weitergegeben. Es gibt viele fesselnde und bewegende Geschichten über die Art, wie die Gehörlosen in der Vergangenheit lebten, die oft mit großer Würde erzählt werden.

Gehörlose Menschen sind stolz auf ihre Geschichte und darauf, was andere Gehörlosein der Vergangenheit zur Gehörlosengemeinschaft und auch zur Gemeinschaft der Hörenden beigetragen haben. So gibt es zum Beispiel etliche Bücher, die von Gehörlosen selbst geschrieben wurden (H.Kisor: Henry oder E.Laborit: Der Schrei der Möwe). Durch das Beispiel dieser gehörlosen Persönlichkeiten ermutigt, sind die Gehörlosen motiviert, in ihrem Leben so viel wie möglich zu erreichen.

Gehörlose Schulkinder brauchen heute Zugang zu ihrer Geschichte und ihrer Kultur, damit sie Vorbilder haben, denen sie mit Vertrauen nacheifern können.

Das gegenwärtige Aufblühen der ASL (American Sign Language = Amerikanische Gebärdensprache) in einer Reihe von Kunstformen, wie Dramen, Poesie, Komödie und Satire ist ein Zeichen für das neue Vertrauen und den Stolz, den gehörlose Menschen in ihrer eigenen Sprache und Kultur finden.

Hörende Menschen verstehen nicht immer die Wichtigkeit der Gehörlosenkultur, aber wenn sie sich darauf einlassen, sie zu entdecken, können sie überrascht sein von ihrer Kraft und ihrem Wert. Oft fühlen sie ihr eigenes Leben von diesem Prozess bereichert.

Dr. Oliver Sacks fängt einiges von diesem Gefühl der Offenbarung ein, das eine hörende Person oft befällt, wenn sie zum ersten Mal in vollen Zügen mit der Gehörlosenkultur in Kontakt kommt. Er beschreibt seine Besuche an der Gehörlosenuniversität Gallaudet in Washington D.C. in den Jahren 1986 und 1987:

"Ich fand es eine erstaunliche und bewegende Erfahrung. Ich hatte weder jemals zuvor eine komplette Gehörlosengemeinschaft gesehen, noch hatte ich gänzlich realisiert (obwohl ich dies theoretisch wußte), daß Gebärden möglicherweise in der Tat eine komplette Sprache sein könnten - eine Sprache, die gleich geeignet ist für die Liebe oder für Vorträge, für Flirts oder für Mathematik. Ich mußte Philosophie- und Chemie-Klassen sehen, die Gebärden benutzten; Ich mußte die absolut stille Mathematikabteilung bei der Arbeit sehen; ich mußte gehörlose Dichter auf dem Campus sehen, Gebärdenpoesie und das Angebot und die Tiefe des Gallaudet-Theaters; ich mußte die wundervolle soziale Szene in der Studentenbar sehen, mit Händen, die in alle Richtungen fliegen, als wenn hundert verschiedene Unterhaltungen stattfinden ich mußte all dies sehen, bevor ich von meiner ursprünglich "medizinischen" Sicht von Gehörlosigkeit (als ein Leiden, ein Defizit, das "behandelt" werden muß) zu einer "kulturellen" Sichtweise der Gehörlosen kam, in der die Gehörlosen eine Gemeinschaft bilden mit einer vollständigen eigenen Sprache und Kultur."
(Seeing Voices, Oliver Sacks, 1989. Deutsch: Stumme Stimmen)

Die Gebärdensprache: Ist Gebärdensprache universell?

Im Gegensatz zum allgemeinen Glauben ist die Gebärdensprache keine internationale Sprache. Gebärdensprachen entwickeln sich überall dort, wo Gehörlose zusammenkommen und zeigen alle Unterschiede, die man auch von den verschiedenen gesprochenen Sprachen kennt.

Gebärdensprachen sind nicht von der gesprochenen Sprache eines Landes hergeleitet. So haben, obwohl in Großbritannien, Irland und den Vereinigten Staaten die am häufigsten gesprochene Sprache Englisch ist, alle drei Länder völlig voneinander unabhängige Gebärdensprachen.

Genau wie gesprochene Sprachen können auch Gebärdensprachen sich aus einer ursprünglichen Gebärdensprache entwickeln und damit Ähnlichkeiten aufweisen. Wegen der historischen und kulturellen Beziehungen haben zum Beispiel die AUSLAN (Australian Sign Language = Australische Gebärdensprache) und die moderne BSL (British Sign Language = Britische Gebärdensprache) eine gemeinsame Ursprungsform; aus diesem Grund gibt es heute Ähnlichkeiten zwischen diesen beiden Sprachen.

Die ASL weist Ähnlichkeiten zur LSF (Langue des signes françaises = Französische Gebärdensprache) auf. Dies lässt sich darauf zurückführen, dass Laurent Clerc in die Erziehung der amerikanischen Gehörlosen das "methodische Gebärdensystem" einführte, das von Abbé de l'Epée im 18. Jahrhundert in Frankreich entwickelt wurde.

Außerdem gibt es in der Gebärdensprache, genau wie in jeder anderen Sprache, regionale Dialekte und Akzente.

Es existiert eine Sammlung international anerkannter Gebärden - Gestuno -, die manchmal von Gehörlosen auf internationalen Treffen verwendet werden.

Auf dem zweiten internationalen Kongress der Gehörlosenpädagogen in Mailand, der 1880 stattfand, wurde beschlossen, daß den Gehörlosen ausschließlich die jeweilige nationale Lautsprache unter völligem Verzicht auf den Einsatz der Gebärdensprache beizubringen sei. Eine Folge dieses Beschlusses ist die auch heute noch weit verbreitete Negierung der Gebärdensprache in den Gehörlosenschulen. Erst allmählich findet in jüngerer Zeit ein Umdenken in diesem Bereich statt. 1988 hat das Europäische Parlament eine Revolution zur Gebärdensprache verabschiedet. Darin wurde vorgeschlagen, dass alle Mitgliedsländer ihre eigene nationale Gebärdensprache als die offizielle Sprache der Gehörlosen dieses Landes anerkennen. Die Gehörlosengemeinschaft, vertreten durch den deutschen Gehörlosenbund und andere Gehörlosenorganisationen und -gruppen, setzt sich weiterhin dafür ein, daß diese Forderungen umgesetzt werden.

Info

Wie kommunizieren gehörlose Menschen?

Gehörlose Menschen können zwischen zahlreichen Kommunikationsmethoden wählen. Die individuelle Wahl wird bestimmt durch viele Faktoren, die mit der Erfahrung der jeweiligen Person und der Art sowie dem Grad ihrer Gehörlosigkeit zu tun hat. Die Möglichkeiten sind unter anderem: Gebärdensprache, Fingeralphabet, Lippenlesen, Deutsch, Lormen (bei Taubblinden) etc. Es gibt auch Gebärdensysteme, die versuchen, Deutsch in Gebärden zu übersetzen (LBG) oder gesprochenes Deutsch zu veranschaulichen.

Es kann für eine hörende Person schwierig sein, eine gehörlose Person das erste Mal zu treffen und nicht zu wissen, welche Kommunikationsmethode diese bevorzugt. Aber die Unsicherheiten lassen sich schnell abbauen, wenn die richtige Methode für die Kommunikation gefunden ist.

communication Richtlinien für die Kommunikation mit Gehörlosen

Die Beachtung folgender Punkte soll helfen, die Kommunikation zwischen Gehörlosen und Hörenden zu erleichtern.

  • Stellen Sie guten Augenkontakt her; schauen Sie direkt zu der gehörlosen Person, wenden Sie sich nicht ab und bedecken Sie weder Ihr Gesicht noch Ihren Mund (nicht rauchen!).
  • Denken Sie daran, zu warten, bis die gehörlose Person Sie anschaut; erst dann können Sie versuchen, zu kommunizieren.
  • Stellen Sie sich nicht mit dem Rücken zum Fenster oder einer anderen Lichtquelle; Ihr Gesicht muß beleuchtet sein.
  • Beginnen Sie die Konversation, indem Sie sagen, über was Sie sprechen möchten.
  • Zeigen Sie deutliche Reaktionen: sagen Sie nicht nur "mmhmm". Benutzen Sie Gesten und Körpersprache, wenn es Ihnen zweckmäßig erscheint.
  • Sprechen Sie deutlich und ein wenig langsamer; Sie sollten aber nicht schreien oder überdeutlich artikulieren, weil dadurch Ihre Mundbilder verzerrt werden. Halten Sie Ihren Kopf so ruhig wie möglich.
  • Der Abstand zwischen Ihnen und dem gehörlosen Kommunikationspartner sollte nicht zu klein, aber auch nicht zu groß sein.
  • Bleiben Sie vor allen Dingen immer ruhig und entspannt; wenn Sie gar nicht mehr weiterkommen, können sie etwas aufschreiben.
  • Empfehlenswert: Lernen Sie Gebärdensprache!

Technik-Info

Woher wissen Gehörlose, dass jemand an der Türe ist?

Es gibt zahlreiche Geräte, durch die Gehörlose auf geeignete Weise unterstützt werden können. Bei den Türklingeln für Gehörlose wird ein Blitzlicht verwendet, das sich einschaltet, wenn der Schalter an der Haustür betätigt wird. Dasselbe Blitzsystem kann für Telefone, Wecker, Babyphone oder Feueralarmmelder verwendet werden. Alternativ dazu kann ein vibrierender Alarm oder ein Pager verwendet werden.

Wie benutzen Gehörlose das Telefon?

Es existiert eine Vielzahl von Vorrichtungen, die Personen mit nur teilweisem Hörverlust zur Verstärkung des Telefons nutzen können. Stark hörgeschädigte Personen verwenden ein Schreibtelefon. Es sieht aus wie eine speziell umgebaute Schreibmaschine mit einem einzeiligen Bildschirm. Ein normaler Telefonhörer wird auf einen Empfänger gelegt, anschließend wird die Nummer wie gewohnt gewählt. Der Gesprächspartner antwortet mit einem anderen "Minicom". Beide Personen tippen ihre Nachrichten ein, diese erscheinen dann bei dem Gegenüber auf dem Display (bei einigen Apparaten ist auch ein Drucker angeschlossen). Die neueste Generation dieser Telefone braucht keinen separaten Hörer mehr. Die Technik entwickelt sich ständig weiter und an der neuen Generation von Telefonen wird bereits gearbeitet: Es sind Bildtelefone, mit deren Hilfe es den Gehörlosen ermöglicht wird, mittels Gebärdensprache über das Telefon zu kommunizieren.

Eine weitere Möglichkeit bietet das Telefaxgerät: Der eine Kommunikationspartner schreibt seine Nachricht einfach auf ein Blatt Papier und faxt diese Nachricht an den jeweils anderen, der ebenfalls über ein Faxgerät verfügen muß. In jünster Zeit ist es auch möglich, über das Internet Faxe zu verschicken.

Was ist mit dem Fernsehen?

Viele Haushalte verfügen über Fernseher mit Videotext, mit dessen Hilfe nicht nur Nachrichten und Informationen abrufbar sind. Manche Sendungen sind mit Videotext-Untertiteln ausgestattet, die auf der Seite 149 (PRO 7) und Seite 150 (ARD/ ZDF/ WDR) aufgerufen werden können. Die Untertitel erlauben es dem Gehörlosen oder Schwerhörigen, den Fernsehdialogen zu folgen. Es sind nicht alle Sendungen mit Untertiteln ausgestattet, aber aufgrund einer erfolgreichen Öffentlichkeitsarbeit wird das Fernsehangebot dahingehend verbessert, dass es immer mehr untertitelte Sendungen gibt. Der Anteil der untertitelten Sendungen in Deutschland ist jedoch, prozentual gesehen, recht gering: es werden nur ca. 3% untertitelt. In Australien werden ca. 14% , in England ca. 45% und in den USA sogar etwa 90% des gesamten Programms untertitelt.

Und zum Schluß...

Wir dürfen eines der am schnellsten wachsenden technischen Kommunikationsmittel nicht vergessen: das Internet. Immer mehr Gehörlose gehen "on-line", um mit anderen Gehörlosen, auf nationaler und internationaler Ebene, zu kommunizieren. Dabei werden E-mails und Datenautobahnen benutzt.

All diese neue Technologie, verbunden mit der durch den allgemeinen Zugang zum Fernsehen einhergehenden technischen Revolution, bietet Gehörlosen bis dahin ungeahnte Möglichkeiten.